Die Regionalpolitische Jahrestagung 2025 des BMWE fand am 20. und 21. November in Chemnitz statt, unterstützt vom Freistaat Sachsen. Auch das Projektteam von DekaRB war unter den rund 500 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Bereichen, die über innovative Ansätze und bewährte Methoden für zukunftsorientierte Regionalentwicklung diskutierten. Ein zentraler Schwerpunkt lag auf dem Austausch zu regionalen Stärken im Strukturwandel sowie dem 6. Sächsischen Industriedialog zu Mobilität, Infrastruktur und Digitalisierung. Hochrangige Rednerinnen und Redner aus Politik und Wirtschaft gestalteten das Programm, ergänzt durch Diskussionen, Workshops, Ausstellungen und Netzwerkformate. Am zweiten Tag standen Praxisbeispiele der Transformation in Chemnitz und Umgebung im Mittelpunkt.
Durch die Möglichkeiten, für das DekaRB-Team an Podiumsdiskussionen, Pitches und, zahlreichen Workshops teilzunehmen sowie sich in den verschiedene begleitenden Netzwerkformate (insb. im Ausstellungsbereich) mit anderen Teilnehmenden auszutauschen, gewann das DekaRB-Team zahlreiche Einblicke in Best Practices und – dort, wo es nicht so klappte, wie geplant – Lessons Learned.
Mitgestaltung – Pflicht oder Kür?
Insbesondere im Rahmen der stattgefunden Workshops diskutierten Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und dem Gewerkschaftsumfeld über die Herausforderungen aktueller Transformationsprozesse. Hierbei wurde deutlich, dass vor allem Energiewende und konkrete Dekarbonisierungsmaßnahmen, besonders in Zeiten schwacher Konjunktur und international wachsender Konkurrenz für den deutschen Wirtschaftsstandort, ein umkämpftes Feld sind. Nichtsdestotrotz zeigten die Erfahrungen aus konkreten Projekten vor Ort, dass es möglich ist, kleine und große Erfolge in Richtung eines nachhaltigen Strukturwandels zu erzielen, wenn es gelingt, die Menschen zur Mitgestaltung zu bewegen. Die wurde u.a. im Workshop »Strukturwandel in den Kohle- und Automobilregionen: Mitgestaltung – Pflicht oder Kür?« deutlich.
Wertschöpfungspotenziale durch erneuerbare Energien heben
Der Ausbau erneuerbarer Energien ist nicht nur ein zentrales Element zur Erreichung der Klimaneutralität bis 2045, sondern eröffnet auch große wirtschaftliche Chancen für die regionale Entwicklung und Wertschöpfung. Im Auftrag des BMWE hatten das Berlin-Institut, das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und die IW Consult ein Gutachten erstellt, das analysierte, über welche Wirkungskanäle Wertschöpfung durch den Ausbau und Betrieb von Anlagen für erneuerbare Energien entsteht und in den Standortregionen verbleiben kann, welche Potenziale bislang ungenutzt geblieben sind und wie es gelingen kann, diese zu heben. Das Gutachten verband die regional differenzierte Berechnung von Wertschöpfungspotenzialen mit erfolgreichen Praxisbeispielen, um Erfolgsfaktoren und Hemmnisse abzuleiten. Im Workshop wurden zentrale Ergebnisse des Gutachtens vorgestellt. Am Beispiel des Landes Thüringen wurde zudem verdeutlicht, worauf es beim Ausbau erneuerbarer Energien ankommt und welche Rolle die regionale Wertschöpfung dabei spielt. Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert Jana Liebe (Geschäftsführerin des ThEEN und Teilprojektleiterin in DekaRB) als eine der hochkarätigen Referent:innen, wie Politik und lokale Akteure die Energiewende und Wertschöpfung weiter voranbringen können.
Goldgräberstimmung vs. Akzeptanzprobleme in New Defence
Transformation bedeutet vielerorts auch die aktive Suche nach Alternativen, wenn die traditionellen Geschäftsfelder durch die Transformation der Energiesysteme verschwinden. Angesichts geopolitischer Spannungen und hybriden Gefahren bietet »New Defence« Unternehmen aus betroffenen Branchen die Möglichkeit, durch das Zusammenspiel ziviler und militärischer Systeme neue Märkte, Partnerschaften und Wachstumschancen zu erschließen. Im dazugehörigen Workshop wurde vorgestellt, wie regionale Netzwerke diese Potenziale gezielt nutzen wollen, um ihre industrielle Wertschöpfung aktiv weiterzuentwickeln und Arbeitsplätze zu sichern. Trotz »Goldgräberstimmung«, so die Organisatoren, wird aber wohl nicht jeder hier sein Glück finden – hohe Hürden sind zu nehmen, um in diesen Bereich einzusteigen. Auch findet solche Transformation nicht immer ungeteilte Akzeptanz in den Belegschaften. Eine Diskussion um einen »Zivildienst« für Angestellte machte dies deutlich. Ähnlich wie in Transformationsprozessen im Energie- oder Mobilitätsbereich kann auch hier mangelnde Akzeptanz zum Hindernis werden.
Warum nicht in München oder Berlin? – Weil ich hier bin!
Am zweiten Tag erhielten die Teilnehmenden praxisnahe Einblicke in die wirtschaftliche und technologische Transformation in Chemnitz und der Region. Der Smart Systems Campus erwies sich als zentraler Innovationsmotor mit den Schwerpunkten Mikro- und Nanosystemtechnik, Leichtbau und intelligente Systemintegration. Die Nähe zu TU Chemnitz, Fraunhofer-Instituten und dem Zentrum für Mikro- und Nanotechnologien bildet ein starkes Netzwerk, das Forschung, Wirtschaft und Start-ups verbindet – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die enge Verzahnung von Wissenschaft und Unternehmertum erfolgreiche Transformationsgeschichten schreibt.
Auch die sächsische Automobilindustrie stand im Fokus. Mit rund 780 Unternehmen und 100.000 Beschäftigten gilt Sachsen als Vorreiter der E-Auto-Produktion, sieht sich jedoch durch Nachfragerückgang und globalen Wettbewerb herausgefordert. Das Netzwerk AMZ unterstützt Zulieferer bei Innovation, Digitalisierung und neuen Mobilitätskonzepten. Besonders eindrucksvoll war der Ansatz der FDTech GmbH, die Algorithmen für automatisiertes Fahren entwickelt: »Wir laufen nicht wie Hamster im Rad, um China einzuholen. Wir holen uns Wissen und entwickeln es weiter – so setzen wir uns wieder an die Spitze.« Der Erfolg gibt dem jungen Unternehmen recht. Auch die Einstellung, lokal zu kooperieren, um global wettbewerbsfähig zu sein, ist wärmstens zur Nachahmung empfohlen.
Im Erzgebirge wurde deutlich, dass Strukturwandel auch im ländlichen Raum erfolgreich gelingen kann. Projekte wie der ERZhub in Wolkenstein oder Unternehmen wie LSA Leischnig zeigen, wie regionale Wertschöpfungsnetzwerke, Digitalisierung und soziale Angebote genutzt werden, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Die Weber-Gruppe verdeutlichte zudem, wie unternehmerisches Engagement grüne Logistik, Wasserstoffforschung und nachhaltige Energie vorantreibt. Zusammen mit der engagierten Unterstützung durch die Kommune und der Wirtschaftsförderung Erzgebirge sowie die Vernetzung mit Bildungs- und Forschungseinrichtungen macht die Region zu »progressive Provinz« Dies zeigte im kleinen Maßstab auf, wie durch kooperatives Handeln lokaler Unternehmen und Akteure die Transformation in eine dekarbonisierte und resiliente Wirtschaft beschleunigt werden kann.